Marchionne in Genf...

lanciadelta64
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Re: Marchionne in Genf...

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Hallo Frank, ich bin ja deiner Meinung, aber ich wollte nur klarstellen - es ist ja nicht so, dass Marchionne nicht schon einmal diese "magische" Zahl genannt hat und wie "utopisch" oft die Zielsetzungen sind, wissen wir beide ja zu genüge - dass SM nicht die 6 Mio. als "Zielsetzung" verkaufter Fahrzeuge herausgegeben hat, auch wenn man natürlich auch sagen kann, was will er mit der Möglichkeit, 6 Mio Autos bauen zu können, wenn man die nicht verkaufen wollte.

Nun macht Lancia am Gesamtkuchen nicht wirklich den Braten fett. Im letzten Jahr - wenn ich mich nicht irre - hat Lancia rund 80.000 Fahrzeuge verkauft und dafür so um die 100/120.000. Also im Verhältnis zu den 6 Mio eher ein kleiner Betrag.

Geplant ist für dieses Jahr - wie ich finde, eigentlich nicht so unrealistisch - rund 4,6 Mio. Fahrzeuge, nach beinahe 4,4. Bis Ende (?) 2018 sind das noch einmal 4 Jahre. Also ohne Optimismus wären 5 bis 5,5 Mio durchaus im Bereich des Möglichen. Damit wären wir jetzt auch nicht so weit von 6 Mio entfernt und mit 5,5 Mio hätte man eine recht gute Auslastung erreicht. Wir reden ja auch hier vom Weltmarkt und sicherlich hat gerade hier auch wegen der Verzögerung die FCA größte Steigerungsmöglichkeiten. Ob die dann auch wirklich ausgeschöpft werden, lasse ich dahingestellt. Ich will nur sagen, so utoptisch sind diese Werte nun nicht, solange nicht SM wieder kommt und gibt großspurig die Zielsetzung, wir wollen so schnell wie möglich 6 Mio Autos vekauft bekommen.

Das mit dem Croma ist in einer Zeit geboren, als man noch mit GM zusammen war und Fakt ist, dass solche Autos entweder zu früh erschienen sind, die keiner von Opel/FIAT oder einem Franzosen haben wollten, oder einfach kein Markt dafür da war.

Eigentlich war der Croma noch unter diesen Fahrzeugarten ja noch der am "besten" gelungene, wenn ich mir solche wie VelSatis oder Sigma anschaue. Was dann kam, aber war typisch Marchionne, denn wie immer ,wenn es um "Dollar in den Augen" geht, hat er in der Produktpalette für "Chaos" gesorgt.

Der Croma war als "Crossover" gedacht, kam nicht so an, auch weil das Design einige sprachlos machte (Giugiaro hin, Giugiaro her, sicherlich nicht gerade sein Meisterwerk)
. Umgekehrt war der Bravo gerade gut gestartet und ein Stationwagon in Planung, was ja auch im "Kombi-Land" Italien nur logisch gewesen wäre.

Und da hatte Marchionne die "geniale" Idee, den Croma zu einem Kombi zu machen, ihm eine Bravo-Front zu verpassen, sodass er irgendwie als "Bravo SW" durchgehen sollte. Aber hier lag das Problem, denn der Bravo gehört zum C-Segment, der Croma zum D.

Also geriet er für einen Bravo SW etwas "groß´", besaß nicht die "Flexibilität", die man von einem "richtigen" C-Segment-Kombi erwartet und vor allem, kostete er ja auch entsprechend, mehr als ein Bravo SW je gekostet hätte.

Das Ende vom Lied kennen wir, der Croma verkaufte sich in Italien eigentlich recht gut, war sogar im D-Segment "führend", mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass man riesige Rabatte geben musste und somit alle, FIAT und die Händler, draufzahlen mussten. Und weil das nicht ausreichte, ging es mit dem Bravo bergab und viele suchten woanders einen SW.

Wie oft gesagt, die "großen" Entscheidungen, die hat SM eigentlich immer gut hinbekommen, aber sobald es um Produkte ging, lief alles schief. Wir erinnern uns, was er als eines seiner ersten Amtshandlungen gemacht hatte, nämlich den Trepiuuno (500 ConceptCar) einzustellen und alle "schockte", weil er meinte, er werde nur dann gebaut, wenn man einen mit ins Boot bekäme und erst als man Ford für den Ka gewinnen konnte, die 50% der Entwicklungskosten übernommen hatten, wurde der 500er entwickelt.

Man stelle sich einmal vor, er hätte Ford nicht ins Boot holen können, dann würden wir heute ohne das zurzeit erfolgreichste FIAT-Modell außerhalb Italiens sein. Aber das ist SMs Logik. Eben ein Mann der Finanzen, aber keiner der Produkte....
lanciadelta64
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Re: Marchionne in Genf...

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Nun geht es doch bei Autos doch weniger um "rationales" Denken, als vielmehr um Emotionen, oder? ;-) In diesen "freien" Foren, also nicht Modell bezogen geht es ja nicht darum, dass einer Hilfe für seinen Thema, Dedra, Delta 123 oder was auch immer braucht, als vielmehr um Lancia und natürlich heuer um FCA.

SM ist dazu ein "besonderer" Fall, denn er schafft es, ein ganzes Land gegen sich aufzubringen, weil er extrem schlecht kommuniziert bzw. zu oft dummschwätzt, um dann, wenn jemand etwas Konkretes erwartet, zu schweigen, also sorgt er für extrem viel Angriffsfläche. Du meinst, hier würde viel "Marchionne-Bashing" betrieben? Dann lies dir die vielen Berichte und Kommentare und dazu dann auch noch die vielen Postings in Italien durch. Dagegen ist das hier ja schon beinahe die reinste "Liebeserklärung" ;-)

Wenn du also das hier von der emotionalen Seite siehst, bedenkst, dass im Endeffekt - egal, wer auch immer die Schuld hatte oder auch nicht - SM derjenige ist, der Lancia vom Markt nimmt (lassen wir beiseite, ob jetzt "notwendig" oder nicht), kannst du vielleicht verstehen, wieso so viele Lancisti - und nicht nur im deutschsprachigen Raum, am liebsten SM an die Gurgel wollen.

Damit nicht genug, für einen wie mich, für den Alfa vor der FIAT-Übernahme eher ein "rotes" Tuch war und erlebt hat, wie für Alfa (siehe Motorsport und dann Modellplatzierungen) Lancia Stück für Stück erneut zerstört wurde, wenn, wie selbst Montezemolo oder SM öfters meinten, Lancia die Marke im Konzern ist, die am meisten unter der FIAT-Krise gelitten hat und heute erleben musst, wie man für Alfa auf einmal Geld hat, die man für Lancia nie hatte, kannst du auch vielleicht nachvollziehen, dass man sich wenigstens schwer mit SM tut. Und last but not least hat er Erwartungen und Hoffnungen mit New Lancia geweckt, die nun ins Leere laufen und somit den Frust um so höher werden lässt, erst recht, wenn man dann SM mit Worten hört, die auch schon vor 2-3 Jahren galten und es hatte sich in Richtung Lancia in 18 Monaten, vom Anfang der Ankündigung von New Lancia bis zu der, Lancia in Europa zurückfahren zu wollen, nichts wirklich Grundlegendes verändert gehabt, weder positiv noch negativ.

Nun beobachte ich SM ja schon sehr lange, kenne die Vorgeschichte, die der Agnellis und Romiti und habe weder eine romantische noch eine "hasserfüllte" Betrachtung SMs. Sicherlich hat er "Verdienste", wobei ich immer wieder betonen möchte, dass er im Guten wie im Schlechten niemals allein operiert hat.

Sagen wir es einmal so, er hatte das sagenhafte Glück, dass GM so "dämlich" war, einen Vertrag mit FIAT zu unterschreiben, der zu einem Bumerang hätte werden können. SM hat dann nur das umsetzen müssen, allerdings, und das ist ihm hoch anzurechnen, taktisch sehr klug und wissend, was er wie und wo machen musste.

Beim Chrysler-Deal dürfte er auch eher "Anweisungsbefolgender" gewesen sein, denn Fakt ist, John Elkann, was ja schon der Name sagt, hat einen Draht (wie die gesamte Agnelli-Familie) zu den USA und die Familie hatte schon länger nach Übersee geschaut. Dass am Ende Marchionne UND sein Team dann ein Optimum herausgeholt haben, ist erneut sein Verdienst.

Aber genauso muss man ihm einige "Fehlgriffe" anhaften, nämlich in China hat ER - und sein Team - mehr als einmal Schiffbruch erlitten. In Russland hat man sich "Lada" von der Nase wegschnappen lassen, ausgerechnet die Marke, die in einer Stadt gebaut wird, die den Namen eines ital. Politikers trägt ;-) In Indien lief auch vieles nicht sonderlich rund und mit Tata ist mir heuer immer noch nicht klar, ob man wieder "Freund" ist, oder immer noch Eiszeit.


Wie gesagt, SM proviziert selbst, dass man ihn nicht sonderlich mag. Er bräuchte dringend ein PR-Mann, denn da schafft er es heuer, in Italien Autos wieder zu produzieren, weitet und modernisiert alle Fabriken, wie es nicht einmal der ursprüngliche Plan "Fabbria Italia" vorsah. Aber wortgewaltig nahm er das dann zurück, um durch die "Hintertüre" nun doch hier zu investieren. Nur dass in den Köpfen nicht der Marchionne vorschwebt, der nun die Fabriken erneuert, sondern derjenige, der wie so oft, nicht Wort hält, der im Prinzip Jobs nach Amerika bringt, nur dort investiert und nicht in Italien.

Er macht es also einem - selbst einem nicht markenbezogenen Betrachter- nicht leicht, ihn zu "mögen".

Ich glaube, dass SM ein Manager für "bestimmte" Jahreszeiten ist und unter bestimmten Umständen in einer bestimmten Situation seine "Fähigkeiten" hat, aber er ist kein Ingenieur, hat nichts mit Autos zu tun, also ist er keiner für "alle" Situationen und ob er wenigstens im Großen "richtig" gelegen hat, wird man in 3-5 Jahren beurteilen können, wenn der Chrysler-Deal längst schon vollzogen ist und man eine Zeit lang im Tagesgeschäft war bzw. die Entscheidungen, die bisher getroffen wurden, ihre Wirkungen zeigen.
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